Die meisten Menschen im "Westen" und die "freie Presse" sind sich in diesem Punkt weitgehend einig: Die Demonstrationen in Tibet hatten ihren Ursprung im Freiheitswillen der Menschen dieses 1950/51 gewaltsam eroberten Landes. Seither sind die Tibeter immer wieder zahlreichen Unterdrückungsmaßnahmen und Repressalien ausgesetzt.
Die "friedlichen Demonstrationen" im März wurden von der "Besatzungsmacht China" unter Inkaufnahme von vielen Toten und Verletzten gewaltsam beendet. Deshalb waren auch die Angriffe auf die olympische Flamme ein gerechtes und adäquates Mittel, um der chinesischen Führung - und letztlich auch den "ebenfalls unterdrückten und fehlinformierten Chinesen" - ihr verwerfliches Handeln vor Augen zu führen.
So plausibel diese Überzeugungen den meisten Menschen im Westen erscheinen, sie lassen sich in mehrfacher Hinsicht kritisieren. Nachfolgend werden drei zentrale Aspekte untersucht.
Umstrittener Status Tibets zum Zeitpunkt der Besetzung durch chinesische Truppen 1950/51
Tibet war von 1720 – 1911 als Protektorat Teil des chinesischen Kaiserreiches (Qing-Dynastie) - allerdings bei voller innerer Autonomie. Damit war das Land ein teilsouveränes staatliches Territorium, dessen auswärtige Vertretung und Landesverteidigung China unterstand. 1911 kam es zum Ende des chinesischen Kaiserreichs, am 1. Januar 1912 rief Sun Yat-sen die Republik China aus, und im April wurde Tibet zur chinesischen Provinz erklärt. Im Juni 1913 proklamierte der Dalai Lama die Unabhängigkeit Tibets. Diese Erklärung wurde jedoch von keinem Staat anerkannt.
Im Vertrag von Simla (1914) – abgeschlossen zwischen Tibet, China und Großbritannien - akzeptierte Tibet die Oberhoheit Chinas und die Einrichtung einer chinesischen Mission in Lhasa. Teile von Ost-Tibet wurden China zugesprochen. Der chinesischen Mission wurde auferlegt, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Tibets einzumischen, und China durfte trotz Oberhoheit Tibet nicht als chinesische Provinz "annektieren".
Der Vertrag, durch den im Prinzip der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden sollte, ist allerdings gegenstandslos, da die chinesische Regierung ihn nicht ratifizierte. China gab den Anspruch auf Tibet jedoch nicht auf. Im Juli 1949 zwang Tibet die chinesische Mission zum Verlassen Lhasas und beseitigte damit eine Einrichtung, die bis zu diesem Zeitpunkt als letztes Zeichen den Status Tibets als chinesisches Protektorat symbolisierte.
Das bedeutet: De facto agierte Tibet von 1913-1950 zwar weitgehend wie ein unabhängiger Staat, de jure bestand diese Unabhängigkeit jedoch nicht.
Juristisch gesehen reicht die Unabhängigkeitserklärung Tibets, die insbesondere von China, darüber hinaus aber auch von keinem anderen Staat anerkannt wurde, nicht aus, um einen unabhängigen Staat zu begründen. Eine völkerrechtliche Anerkennung erfolgte nicht, stattdessen zog sich Tibet in die Isolation zurück. Deshalb befand sich Tibet 1950 nach wie vor unter der Oberherrschaft Chinas, und der Einmarsch der chinesischen Truppen stand damit – ebenso wenig wie mehrere Male zuvor – unter diesem Gesichtspunkt nicht im Widerspruch zum internationalen Recht.
Allerdings erfolgte die Besetzung Tibets 1950/1951 gewaltsam. Sie war keine "Befreiung", sondern stand im Gegensatz zum Willen der tibetischen Bevölkerung. Da das tibetische Volk ein Volk im Sinne des Völkerrechts ist, steht ihm das Recht auf Selbstbestimmung zu. Dieses Recht wurde durch die gewaltsame Besetzung Tibets verletzt und wird der Bevölkerung bis heute nicht gewährt. Gleiches gilt allerdings auch für zahlreiche andere Völker, z.B. für die Tschetschenen, die Basken oder die Kurden.
Unruhen von außen gesteuert
Möglicherweise haben die tibetischen Unruhen wirklich ihren Ursprung im Freiheitswillen der Tibeter, allerdings lässt der Zeitpunkt Zweifel an dieser These zu. Zwar begannen die Demonstrationen am 49. Jahrestag des tibetischen Aufstands 1959, und das könnte als Beleg für den Freiheitswillen gewertet werden, der an diesem "Gedenktag" sich ein Ventil suchte. Überzeugen kann das jedoch kaum, denn schließlich gab es zuvor viele Jahrestage ohne Demonstrationen oder gar Unruhen. Von größerer Bedeutung war offenbar, dass diese Unruhen im Vorfeld der olympischen Spiele in Peking stattfanden, also zu einem Zeitpunkt, zu dem sie besonders wirksam waren. Diese Unruhen und auch die Angriffe auf die olympische Fackel trafen die Gefühle der Chinesen besonders stark, da China nach zwei Jahrhunderten der Demütigung durch fremde Staaten und nach den Wirren der Kulturrevolution endlich wieder ein wirtschaftlich und politisch starkes Land wurde, und die Chinesen wollten dies der Welt auch durch unvergessliche und harmonische Spiele beweisen.
Ins Ausland geflüchtete Tibeter berichten von Menschenrechtsverletzungen gegen Angehörige des tibetischen Volkes. Im Augenblick ist kaum überprüfbar, in welchem Ausmaß diese Anschuldigungen zutreffen. Die Anzahl solcher Berichte hat in den letzten Jahren jedoch nicht zugenommen, man kann sogar von einer gewissen Beruhigung sprechen. Das kann aber auch nicht wundern, denn wirtschaftlich gesehen ging es den Tibetern in den letzten Jahren so gut wie nie zuvor. China leistete und leistet weiterhin erhebliche finanzielle Aufwendungen für Investitionen, zum Aufbau der tibetischen Infrastruktur, aber auch zur Verbesserung des Lebensstandards der tibetischen Bevölkerung. Warum sollten die Unruhen also gerade jetzt ausbrechen?
Der Zeitpunkt der Unruhen legt nahe, dass diese gesteuert wurden und dass die Initiative dieser Unruhen von außen erfolgte. Dafür sprechen u.a. die unvermittelten Reaktionen der Auslandstibeter. Wie auf ein Zeichen fanden in ungewohntem Ausmaß leidenschaftliche und in der Folge auch gewalttätige Demonstrationen an der tibetischen Südgrenze in Nepal und Indien statt. Für die Inszenierung der Unruhen von außen spricht aber auch, dass die ersten Demonstrationen in Tibet von Mönchen durchgeführt wurden – von einer Bevölkerungsgruppe also, die ständig engen Kontakt zur tibetischen Exilregierung und insbesondere zu ihrem religiösen Führer dem Dalai Lama pflegt.
Angemessene Reaktionen der chinesischen Sicherheitskräfte
Die ersten Demonstrationen waren friedlich und wahrscheinlich haben die Ordnungskräfte – die zum erheblichen Teil selbst Tibeter sind – zu hart reagiert, u.a. sollen 15 demonstrierende Mönche verhaftet worden sein. Nähere Informationen, Fernsehaufnahmen und Bilder sind dazu nicht vorhanden. Was aber dann kam, waren zumindest teilweise kriminelle Aktivitäten nicht von Mönchen, sondern von tibetischen Jugendlichen und Bürgern und die darauf folgenden Reaktionen der Sicherheitskräfte. Diese bekam die Welt in meist nur kurzen Ausschnitten zu sehen und sie reagierte erschreckt und anklagend.
Warum eigentlich? Muss die Polizei nicht eingreifen, wenn Wohnungen und Geschäfte in Brand gesetzt werden, wenn Menschen attackiert werden und um ihr Leben fürchten müssen? Die Bilder, die die Welt zu sehen bekam, unterschieden sich kaum von den Bildern über die Mai-Unruhen in Berlin und Hamburg. Hätte die Polizei dort auch nicht eingreifen sollen?
Jeder Mensch hat das Recht zur friedlichen Demonstration und in dieser Beziehung liegt in China sicherlich noch Einiges im Argen, obwohl sich auch in diesem Bereich vieles zum Besseren gewendet hat. Das Recht zu gewaltsamen und strafbaren Handlungen haben Demonstranten jedoch nicht. Das gilt für Tibeter ebenso wie für Franzosen, US-Amerikaner oder Deutsche.
Im Nachhinein lässt sich immer darüber streiten, ob die Sicherheitskräfte gegen gewalttätige Demonstranten mit adäquaten Mitteln vorgegangen sind. Für die Tibet-Unruhen gilt: Die Bilder und Ausschnitte von Fernsehberichten, die in westlichen Staaten gezeigt wurden, können diese Frage nicht beantworten, zumal diese gravierende Fehler aufwiesen.
In einem bisher nicht aufgearbeiteten Medienskandal machten CNN, BBC und in der Folge auch deutsche Medien Krankenwagen, in denen Verletzte abtransportiert wurden, zu Fahrzeugen von chinesischen Sicherheitskräften, die Tibeter in Gefängnisse brachten. Verletzte chinesische Ladenbesitzer, die von der Polizei vor den anstürmenden jugendlichen Randalierern in Sicherheit gebracht wurden, machten die Medien zu verhafteten Tibetern. Ebenso wurden Ereignisse, die außerhalb Tibets stattfanden, nach Tibet verlagert. Mehrfach wurden nepalesische oder indische Polizisten, die auf demonstrierende Mönche oder auf Exiltibeter einprügelten, zu chinesischen Sicherheitskräften, und Ausschnitte aus Bildern, die in Wirklichkeit ein äußerst rabiates Vorgehen indischer und nepalesischer Sicherheitskräfte zeigen, sollten gewalttätiges Vorgehen chinesischer Sicherheitskräfte in Tibet belegen. Diese nach ihrer Meinung absichtlich gewählten falschen Darstellungen sind es, die die Exil-Chinesen auf der ganzen Welt in einer bisher nicht gezeigten Weise aufgebracht haben.
Eine andere Sicht wird deutlich, wenn man Berichte chinesischer Fernsehsender zugrunde legt. Dort wurde ausführlich – und ohne schwarze Bildschirme wie im Westen behauptet - über die Berichterstattung in anderen Staaten sowie über Berichte in westlichen Medien informiert. Die eigene Berichterstattung über die Unruhen erfolgte tagelang weitgehend unkommentiert ohne Unterbrechungen und in einer bemerkenswerten Offenheit.
Diese Bilder zeigten hart vorgehende chinesisch-tibetische Sicherheitskräfte allenfalls, wenn es um die Verhinderung von Straftaten, Plünderungen und Brandstiftungen ging. Ansonsten übten sich die Sicherheitskräfte eher in Zurückhaltung. Das Vorgehen der chinesisch-tibetischen Sicherheitskräfte hält jedenfalls jeden Vergleich mit dem Vorgehen westlicher Sicherheitskräfte bei vergleichbaren Unruhen in den Vorstädten von Paris, in Zürich, Hamburg oder Berlin aus und kann nach internationalem Standard insgesamt durchaus als angemessen bezeichnet werden.